Verschwendung · 11 min · Verschwendung
Warum wir funktionierende Geräte wegwerfen — Soziologie eines Vorgangs
Rund 1,8 Millionen Tonnen Elektroschrott fielen 2023 in Deutschland an, geschätzt 30 Prozent davon funktionsfähig. Der Befund ist bekannt — die Gründe sind komplexer als die übliche Konsumkritik. Ein Versuch, das Wegwerfen nüchtern zu beschreiben.
Wer im April 2024 eine Wohnung in einer deutschen Großstadt aufgelöst hat — sei es aus Anlass eines Umzugs, einer Trennung, eines Todesfalls — kennt das Bild: Auf dem Bürgersteig stehen drei Bürostühle, ein Toaster, ein kleiner Kühlschrank, eine Stehlampe. Davon funktioniert alles bis auf den Kühlschrank, der nicht mehr richtig friert. Der Sperrmüll-Termin ist morgen. Wir nehmen das hin als alltägliche Beobachtung. Dass es eine bemerkenswerte Beobachtung ist, fällt erst auf, wenn man sie in Zahlen liest.
Das Umweltbundesamt schätzt für das Bezugsjahr 2023: rund 1,8 Millionen Tonnen Elektroschrott in Deutschland, davon nach Auswertungen des Öko-Instituts etwa 30 Prozent funktionsfähig bei Entsorgung. Die Eurostat-Zahlen für die EU-27 liegen bei rund 12 Millionen Tonnen E-Waste pro Jahr, mit ähnlicher Funktions-Quote. Die Größenordnung ist erstaunlich stabil, seit Anfang der 2000er Jahre erhoben. Sie ist auch erstaunlich resistent gegen Aufklärungs-Kampagnen.
Wer dieses Phänomen verstehen will, kommt mit der einfachen Erklärung „Konsumgesellschaft” nicht weit. Sie ist nicht falsch, aber sie ist zu unspezifisch, um etwas zu erklären. Vier Faktoren tauchen in der soziologischen Literatur regelmäßig auf — wir gehen sie der Reihe nach durch.
Vier Faktoren — Wohnung, Tempo, Versicherung, Symbolik
Wohnverhältnisse. Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person in Deutschland ist zwischen 1990 und 2023 von 34 m² auf 47 m² gestiegen — aber sie ist ungleich verteilt. In den Großstädten haben Menschen unter 35 in den letzten 15 Jahren tendenziell weniger Wohnfläche zur Verfügung als ihre Eltern in der gleichen Lebensphase. Stauraum, Keller-Verschläge, Speisekammern — Räume, in denen ältere Geräte „auf Reserve” überleben konnten — sind in modernen Stadtwohnungen seltener vorhanden. Ein funktionierender, aber gerade ungenutzter Toaster konkurriert um Quadratmeter mit den aktuell genutzten Gegenständen. Das Verstauen ist nicht mehr kostenlos.
Tempo-Logik. Bei Konsumelektronik ist das Modell-Jahr ein expliziter Kauf-Anreiz geworden. Apple bringt jährlich ein neues iPhone, Samsung ebenfalls, die meisten anderen Hersteller im 12- bis 18-Monatsrhythmus. Statistisch wechseln deutsche Smartphone-Nutzer:innen ihr Gerät im Schnitt alle 28 Monate (Bitkom 2024) — das alte Gerät ist zu dem Zeitpunkt in 70 % der Fälle noch voll funktionsfähig. Es landet im besten Fall im Refurbishment-Markt, im häufigeren Fall in der Schublade und nach weiteren zwei Jahren im Restmüll. Die Hardware ist Jahrzehnte alt geworden, das Modell-Bewusstsein ist gleichzeitig kürzer geworden.
Versicherungs-Logik. Ein unterschätzter Faktor. Die meisten Hausrat-Versicherungen erstatten im Schadensfall den Wiederbeschaffungswert — also den Preis eines neuen, vergleichbaren Geräts. Wer einen Wasserschaden in der Küche hat und eine zehn Jahre alte Waschmaschine versichert hat, bekommt nicht den Zeitwert von vielleicht 80 €, sondern den Neuwert eines vergleichbaren Geräts (vielleicht 600 €) erstattet. Eine Reparatur lohnt sich in diesem System nicht — das Anreiz-System der Versicherung führt strukturell zum Neukauf. Diese Logik ist nicht böse Absicht der Versicherer, sondern eine Folge der Tarif-Strukturen. Sie ist aber nüchtern betrachtet ein Treiber des Wegwerfens.
Symbolische Komponente. Ein altes Gerät ist nicht nur ein altes Gerät. In der konsumsoziologischen Literatur (Bauman, Sennett, jüngere Arbeiten von Rosa) ist gut beschrieben, dass Konsumgüter in spät-kapitalistischen Gesellschaften eine identitäre Funktion übernommen haben. Wer Gäste empfängt, präsentiert nicht nur das Essen, sondern die Espressomaschine. Wer einen Spaziergang macht, präsentiert nicht nur die Bewegung, sondern den Smart-Watch-Funktionsumfang. Ein erkennbar veraltetes Gerät kann in diesem Code als Statement der eigenen Bedürftigkeit gelesen werden — und wird entsprechend verborgen oder entsorgt, bevor jemand es sehen kann. Diese Komponente ist schwer in Zahlen zu fassen, aber sie ist real.
Die Geschichte des Wegwerfens
Es ist ein Allgemeinplatz, dass Wegwerfen eine moderne Erscheinung sei. Das stimmt nicht ganz. Die Mülltonne mit Deckel wurde in Deutschland in den 1920er Jahren in Großstädten eingeführt, die genormte Mülltonne mit Rollen — das, was wir heute „die graue Tonne” nennen — erst ab den 1970er Jahren. Bis dahin war das Restmüll-Volumen pro Haushalt erheblich kleiner. Was nicht in die Tonne passte, war kein Müll, sondern Material — Holzkisten wurden zerlegt, Stoffe wurden weiterverwendet, Metalle wurden gesammelt und zum Schrotthändler gebracht.
Mit der Einführung des Dualen Systems 1990 — der „Gelbe Sack” für Verpackungen — entstand eine zweite Mülltonne, dann mit der Bioabfall-Verordnung 1993 eine dritte. Diese Differenzierung war ein ökologischer Fortschritt, sie hatte aber eine paradoxe Nebenwirkung: Sie machte das Wegwerfen administrativ leichter. Wer trennt, kann mit gutem Gewissen wegwerfen. Die Materialität des Mülls — sein Gewicht, sein Geruch, seine Sichtbarkeit — wird durch die Sortierung in vier Tonnen gefiltert und damit auch psychologisch entschärft.
Für Großgeräte gibt es seit 2005 die Rückgabepflicht des Handels (Elektrogesetz), seit 2022 sogar mit Bring-Schwelle ab 25 cm Kantenlänge unabhängig vom Neukauf. Auf dem Papier eine starke Regulierung. In der Praxis wird ein erstaunlich kleiner Anteil der ausrangierten Geräte überhaupt im Handel zurückgegeben — der größere Anteil landet beim Sperrmüll, im Container, oder bei einer der Sammelstellen der Kommunen. Dort werden sie nach Materialklassen sortiert und überwiegend recycelt, nicht refurbished. Das ist nicht falsch, aber es ist nicht das Optimum.
Eine Praxis, die sich verlernen lässt
Wir wollen nicht in den Tonfall der Konsumkritik verfallen, der jede Verbraucher-Entscheidung individualisiert und moralisiert. Das ist analytisch unscharf und politisch ineffektiv. Wegwerfen ist keine charakterliche Schwäche. Es ist eine soziale Praxis, die in einem ganzen Geflecht aus Wohnverhältnissen, Werbung, Versicherungstarifen, Lieferketten und Statussymbolen eingebettet ist. Wer diese Praxis ändern will, muss an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen.
Eine Beobachtung gibt allerdings Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Soziale Praktiken sind erlernt — und sie sind auch wieder verlernbar. Die Repair-Café-Bewegung hat in Deutschland seit ihrer ersten deutschen Eröffnung (Köln 2012) auf rund 1.200 Standorte zugenommen. Foodsharing.de hat über 600.000 registrierte Nutzer:innen. Vinted, Kleinanzeigen, Momox sind in den letzten zehn Jahren in den Alltag eingewachsen. Das sind keine ökologischen Heilsversprechen, aber es sind Hinweise darauf, dass Praktiken sich verschieben.
Was sich gerade verschiebt, ist die Selbstverständlichkeit des Neukaufs. Bei jüngeren Verbraucher:innen (Bitkom 2024: 41 % der unter 30-Jährigen) ist Secondhand-Kauf bei Mode bereits Mehrheits-Praxis. Bei Möbeln liegt der Anteil bei rund 28 %, bei Elektronik bei rund 18 %. Die Zahlen sind nicht hoch, aber sie steigen schneller als das BIP. Ob das eine ökonomische Notwendigkeit (steigende Mieten, sinkende Realeinkommen) oder eine ökologische Überzeugung ist, lässt sich aus den Daten nicht trennen. Vermutlich ist es beides — und das ist okay.
Die Verschwendung ist keine Naturkonstante. Sie wurde gelernt. Sie kann verlernt werden. Es wird dauern.